Zu Gast bei Paul Lendvai - Ein Sommergespräch über Europa, Demokratie, Ungarn und ein Leben für den Journalismus
- Andrea Seidler
- aug. 14.
- 17 perc olvasás
Wir sind heute zu Gast bei Paul Lendvai in seinem Sommerhaus im Burgenland. In einem schattigen Gartenpavillon sprechen wir mit einem Mann, der seit Jahrzehnten zu den profiliertesten politischen Publizisten Österreichs zählt und die Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa wie kaum ein anderer begleitet hat.
Der gebürtige Budapester lebt seit 1957 in Österreich, war langjähriger Korrespondent der Financial Times, leitete die Osteuropa-Redaktion des ORF und prägte über mehr als vier Jahrzehnte das Europastudio. Bis heute kommentiert er das politische Zeitgeschehen mit großer Aufmerksamkeit und publizistischer Leidenschaft. Wir freuen uns, dass er sich Zeit genommen hat, mit uns über Politik, Journalismus und sein bewegtes Leben zu sprechen.
Andrea Seidler: Meine erste Frage an dich als Journalist, als Reporter: Du hast Europa über mehr als sieben Jahrzehnte beobachtet. Welcher Wandel, den du in letzter Zeit siehst, erfüllt dich einerseits mit Hoffnung, was Europa angeht, und welcher Wandel bereitet dir Sorgen?
Paul Lendvai: Ja, die Frage ist eigentlich die Antwort. Ich bin schon seit vielen Jahren nicht Reporter, sondern eher ein Beobachter und Kommentator. Und das gilt natürlich auch, wenn es um Europa geht. Wir wissen ja, dass selbst dieser Begriff, Europa, ein sehr dehnbarer ist. Es gibt viele Europas, und aus diesen vielen man kann wählen, wenn wir über Europa sprechen. Und außerdem stellt sich die Frage, was und welche Länder gehören zu Europa. Wann sind sie europäisch und wann sind sie es nicht? Also es stellen sich viele Fragen und wir stehen immer wieder auch vor dem Gegensatz zwischen Schein und Sein. Es gibt also einen kontinuierlichen Dialog über Europa und mit Europa. Und dazu gehört natürlich, wozu ich mich bekenne, ich glaube, du auch, nämlich die liberale Demokratie, also zu einem Europa, in dem jene, die Demokratie, die Mitbestimmung der Menschen, die Freiheit der Medien, die Freiheit des Marktes, die Freiheit der Bewegung, die Freiheit der Reisen usw. ablehnen, eigentlich keinen Platz finden sollen. Und es gibt natürlich auch starke Kräfte in vielen Ländern, leider auch in Österreich, die aus der Vergangenheit nicht lernen wollen, die mit dem Konzept des starken Mannes operieren. Starke Frauen gibt es weniger bisher. Und so ist Europa ein vielschichtiges Bild.

AS: Und du hast den Begriff der Demokratie erwähnt als das System, in dem wir zu leben anstreben. Was meinst du, braucht eine Demokratie dazu, um populistischen Versuchungen, wie wir sie überall sehen, auch in Österreich, aber auch in Ungarn gesehen haben und in Deutschland, den USA auch immer mehr sehen, was braucht eine Demokratie, um dem widerstehen zu können?
PL: Eine Mischung aus Intelligenz und Zivilcourage, dass man nie aufhört, vor den Gefahren zu warnen, rechtzeitig zu warnen. Und dazu gehört, dass man sich nicht durch Geld, durch Beförderung oder durch andere Privilegien bestechen lässt.
Unbestechlichkeit ist eine der Vorbedingungen, dass die Demokratie funktionieren kann.
Und da geht es nicht um allgemeine Floskeln, sondern es geht um Organisationen und Zusammenschlüsse und Fakten. Und diese Fakten müssen auch bekannt gemacht werden. Dazu gehört natürlich die freie Presse, die freien Medien. Die Gefährdung der Freiheit der Medien ist eine der größten Gefahren für die Demokratie. Zur Demokratie gehört natürlich auch der Rechtsstaat, dass die Verdikte der Gerichte gelten und nicht untergraben werden können. Und das sind nur einige Bedingungen. Und dazu gehört natürlich auch, dass die Wirtschaft blühen muss. Weil mit leeren Mägen kann die Demokratie nicht stabilisiert werden.
AS: Das stimmt. Und welche Verantwortung tragen deiner Meinung nach in dieser Stabilisierung, in diesem Prozess die Intellektuellen und die Journalisten? Wenn wir jetzt an AI denken, an Fakten, die immer häufiger mitgefälscht werden, welche Verantwortung tragen wir trotzdem als Intellektuelle und Journalisten?
PL: Also natürlich geht es grundsätzlich darum, dass jeder das, was er denkt, was er sieht, was er erfährt als Berichterstatter, Journalist, Kommentator oder Schriftsteller, ohne Einfluss von Mächtigen und ohne Frage, ohne Rücksicht auf Gefahren beschreibt und sich nicht unter Druck setzen lässt. Aber das ist nur die eine Bedingung. Die andere Bedingung ist, dass das, was man schreibt, auch veröffentlicht werden muss. Ich habe folgende Erfahrungen gemacht in Österreich: Ich habe lange Jahre für eine Zeitung, Die Presse geschrieben. Sie hatte einen großartigen Chefredakteur, eine der schillerndsten Persönlichkeiten in Österreich, Otto Schulmeister. Aber er hat auch Artikel geändert oder geschnitten oder gekürzt. Und der Grund für unsere Trennung war, dass ich das nicht zuließ und meine Meinung auch über die rechte Gefahr offen schreiben wollte. Und nach der Trennung habe ich nur die Möglichkeit gehabt, in einer katholischen Wochenzeitung, die noch heute existiert, in der Furche unter dem Titel Ich bin ein Neuösterreicher in zwei Artikeln meine Meinung zu schreiben. Umgekehrt habe ich jetzt das Glück, für eine Zeitung in Österreich zu schreiben und zu arbeiten, wo meine Kolumne nie geändert wird, und ich schreibe, was ich will. Es ist noch nie vorgekommen, dass der Chefredakteur oder der Herausgeber mir gesagt hätte, schreib über dieses Thema nicht. Und ich glaube, das ist die wichtigste Vorbedingung. Und ich hoffe, dass es nicht nur für mich gilt.
AS: Du denkst jetzt an den Standard, nicht? An deine Kolumne im Standard?
PL: Ja, ich wollte keine Schleichwerbung für die pinke Zeitung betreiben.
AS: Das kannst du ruhig, jeder kennt deine Kolumne. Und weil du gerade Österreich erwähnt hast: du lebst seit Jahrzehnten in Österreich, es ist deine Heimat geworden. Welche Eigenschaften schätzt du an Österreich? Man hört von dir sehr viel Lob in Interviews und Gesprächen über Österreich. Welche sind die Eigenschaften, die du an Österreich schätzt und vielleicht sogar heute mehr als früher?

PL: Es ist schwierig, das alles in einer Antwort zusammenzufassen. Ich habe zwei grundsätzliche Bücher über Österreich geschrieben, eigentlich mehrere, aber zwei grundsätzliche. Mein Österreich, das war ein Bestseller und ein Lieblingsbuch der Österreicher. Und dann, zwölf Jahre später, ein anderes, das kritischer war, auch über die Persönlichkeiten, die im ersten Buch noch gelobt wurden. Und die Mischung aus beiden Büchern ist wahrscheinlich die richtige Betrachtung. Dabei spielt natürlich grundsätzlich auch eine Rolle, dass man in einem Land angekommen ist, im jungen Alter von 27 Jahren, mit einem Akzent, ohne Beruf und hier dennoch alle Chancen hatte, die Karrierechance, irgendwie vorwärts zu kommen und keine Diskriminierung zu erfahren, in keiner Hinsicht, weder national noch religiös. Und ich fand auch meine lebenslangen besten Freunde hier. Zwei Österreicher, die ganz verschiedene Berufe hatten. Der eine war Kurt Vorhofer, der stellvertretende Chefredakteur der Kleinen Zeitung. Ein großartiger Schreiber. Und ich habe ihm mein erstes Österreichbuch gewidmet. Und mein zweiter Freund war, das wissen wenige Leute, Josef Taus, er war Obmann der österreichischen Volkspartei, Chef der Girozentrale des Spitzeninstitutes der Sparkassen. Ein Mann, der aus einer armen Familie mit neun Kindern kam und seinen Weg gemacht hat. Und er hat mir geholfen, die Zeitschrift Europäische Rundschau zu gründen. Bis zu seinem letzten Augenblick hat er mir in jeder Hinsicht geholfen. Es war für mich eine besondere Ehre, dass ich bei Kurt Vorhofer nach der Einsegnung durch Kardinal König die Grabrede halten durfte. Und auch bei Jo Taus im kleinen Kreis war ich mit der Familie beim Begräbnis. Und diese zwei Männer waren die prägenden Gestalten meines Lebens in Österreich und irgendwie symbolträchtig für meine Beziehung zu Österreich. Deshalb nenne ich mich einen österreichischen Patrioten mit ungarischem Akzent.
AS: Gibt es in der österreichischen Kultur etwas, in der politischen Kultur, etwas, von dem du glaubst, dass andere Länder davon etwas lernen könnten? Also beispielsweise die fortwährende Sozialpartnerschaft oder das Funktionieren von Koalitionen?
PL: Genau das ist, was unser Bundespräsident Van der Bellen nach meiner Meinung immer wieder sehr richtig betont, die Bedeutung des Kompromisses. Das ist, wie ein deutscher Soziologe gesagt hat, eine der großen Erfindungen der Menschheit. Und in dieser Hinsicht muss man aufpassen. Da gibt es eine unsichtbare Grenze, an der aus dem Kompromiss, wie das so schön heißt, Packelei wird. Und wir erleben das immer wieder. Ich habe das Glück gehabt, 22 Jahre lang Financial-Times-Korrespondent in Wien gewesen zu sein, die auch bis heute wichtigste Wirtschaftszeitung der Welt, die mich auch nie dazu abkommandiert hat, etwas Bestimmtes zu schreiben. Ich habe meine Themen immer frei wählen können. Und da habe ich die damaligen großen Köpfe, Rudolf Salinger (Präsident der Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft, ÖVP) und Anton Benya (Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), SPÖ) kennengelernt, die diese Sozialpartnerschaft verkörpert hatten. Außerdem habe ich das Glück gehabt, eine enge Beziehung zum sozialdemokratischen Bundeskanzler Bruno Kreisky gehabt zu haben, dessen erste Biografie ich geschrieben habe. Und er war auch für den Kompromiss. Er hat die Sozialpartnerschaft beschrieben als Klassenkampf am grünen Tisch. Und es zeigt sich auch, dass Österreich in den Streikstatistiken immer ganz hinten ist. Das heißt, es ist ein Land des sozialen Friedens. Aber man muss aufpassen! Auch jetzt wieder: zum Beispiel die Kontroversen über den Präsidenten der Wiener Wirtschaftskammer, der unglaubliche Dinge gesagt hat. Man kann solche Dinge sagen, aber wenn sie aufgenommen werden, von einem Freund, und den Zeitungen zugespielt, dann ist Feuer unter dem Dach.
AS: Noch einmal zur ungarischen Gesellschaft, weil du ja beide Länder, Österreich und Ungarn sehr gut kennst. In einem hast du nur kurz gelebt, es aber ein Leben lang analysiert. Und im anderen lebst du.
PL: In einem war ich auch im Gefängnis, wurde von dort vertrieben und habe alles Mögliche durchgemacht.
AS: Was meinst du, welche Stärken hat die ungarische Gesellschaft, die im Ausland selten wahrgenommen wird?
PL: Es ist so, dass es in Ungarn nur alle 50 oder 100 Jahre eine Explosion gibt. So war das 1848 und 1849, so war das 1956 und so war es jetzt, als Orbán gestürzt wurde. Und ich habe in einem Interview mit der Zeit, der deutschen Wochenzeitung, gesagt, dass
ich diesen Sturz jetzt für wichtiger halte als den Systemwechsel 1989.
Ungarn ist ein sonderbarer Fall. Nach 1956 wurde der Kommunismus wieder aufgebaut, aber unter einem hochbegabten Politiker namens János Kádár, der verstanden hat, dass man die Menschen nur bis zu einer gewissen Grenze beherrschen und die Gesellschaft strukturieren kann. Er wurde von den Sowjets geschützt. Und dieses System wurde dann zum sogenannten Gulaschkommunismus. Das war schon ganz anders als in den anderen kommunistischen Ländern, in vieler Hinsicht. So konnte ich zum Beispiel in das Land einreisen und von dort berichten. Aber als der Umschwung kam, 1989, war das nicht die Tat des ungarischen Volkes, es war ein Geschenk aus der damaligen Sowjetunion, dass Gorbatschow dieses System reformieren wollte. Aber das System konnte man nicht reformieren, das heißt, er hat es zerstört und als Nebenprodukt sind auch die kleinen mitteleuropäischen Länder, auch Ungarn, frei geworden. Aber als Resultat dieses Kádár-Systems wuchs seine Bürokratie in die neue Gesellschaft mit ein. Das war ein Kompromiss. Die reformistischen Kräfte spielten eine Rolle. Deshalb konnte nach der zweiten Wahl die postkommunistische Partei einen gewaltigen Sieg feiern. Also Gyula Horn war kein Zufall. Und das bedeutet, dass die ungarische Gesellschaft so eine gemischte Gesellschaft war. In gewissem Sinne saßen die Wärter der Gefängnisse und die Gefangenen zusammen. Und jetzt, 2026, war das aber die Tat der Ungarn, dass sie das Orbán-Regime gestürzt haben, ohne Gewalt. Und ohne ausländische Einmischung. Krisztián Ungváry, der sehr gute ungarische Historiker, hat gesagt, (ich habe das zuerst gesagt in Die Zeit, aber er hat dazu auch ein Interview gegeben) dass er keine Phase in der ungarischen Geschichte kennt, in der eine solche Wende ohne ausländische Faktoren passierte. Und das ist eine Revolution, die natürlich im Ausland nicht verstanden wird, weil sie eben friedlich über die Bühne ging. Und noch etwas: Es war ein einziger Mann, Péter Magyar, der das alles ins Rollen gebracht hat. Viele Leute, auch die Intellektuellen, rümpfen die Nase über ihn, was ist das für eine Person… und was er sagt … und wie er redet. Es geht aber hier nicht um eine Schönheitskonkurrenz. Es geht darum, dass er die aufgestaute Wut und Verbitterung der Gesellschaft zur Explosion gebracht hat. Und zu einer solchen Explosion, an die ich selbst nicht geglaubt habe, auch, dass Orbán ohne weiteres aufgibt, dass Orbán begriffen hat. Und das heißt, Ungarn ist heute wieder ein beispielhaftes Land dafür, dass man ein autoritäres System ändern, stürzen kann. Wie der große österreichische Philosoph Karl Popper gesagt hat: Demokratie herrscht, wo man mit dem Wahlzettel eine schlechte Regierung vertreiben kann.
AS: Hast du das Gefühl, es gibt noch irgendetwas heutzutage, was Österreich und Ungarn verbindet, trotz politischer Spannungen, die immer wieder vorhanden sind. Gibt es etwas, was diese Region miteinander verbindet?
PL: Ja sicher. Mein Freund Kurt Vorhofer hat einmal gut beobachtet und geschrieben, dass es über die Ungarn in Österreich keine Schimpfwörter gibt. Sie werden, hat er geschrieben, als fesch betrachtet, wie Operettenfiguren. Und der ungarische Akzent wird in Österreich gemocht. Ich habe das selbst erlebt, als ich jünger war. Und außerdem gibt es natürlich die Namen, die verwandtschaftlichen Beziehungen und die enge Nachbarschaft. Nachbarschaft ist natürlich nicht immer eine Garantie für gute nachbarschaftliche Beziehungen. Aber im Falle Österreichs und Ungarns ist es das und in beiden Ländern wird die lange Periode der Monarchie heute, den Realitäten und der Wahrheit entsprechend, viel positiver gesehen. Also ich sehe, die Verbindung ist da, aber auch in mancher Hinsicht eine Ignoranz. Wir haben einander sehr gern, trotzdem wissen wir oft nicht, was in dem anderen Land geschrieben wird, was gespielt wird, was genau vor sich geht. Da ist noch viel zu tun und in dieser Hinsicht ist Bécsi Napló online sicher ein kulturpolitisches Instrument für beide Seiten, für Ungarn und für Österreich.
AS: Hast du nicht den Eindruck, dass das Bild Ungarns in den ausländischen Medien – auch in Österreich – oft sehr verkürzt und oberflächlich ist? Gleichzeitig beobachten wir in Österreich innerhalb der ungarischen Volksgruppe einen dramatischen Rückgang der Sprachkenntnisse. Wenn es nicht gelingt, etwa durch den Ausbau ungarischsprachiger Schulen gegenzusteuern, wird die Sprache vielerorts nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben. Führt dieser Verlust der Sprachkompetenz nicht zwangsläufig auch dazu, dass Österreich Ungarn immer weniger versteht – obwohl beide Länder seit Jahrhunderten unmittelbare Nachbarn sind?
PL: Ja, das ist so. Wir leben im Burgenland im Sommer und ich sehe in meiner Gegend, wie es den Kroaten im Burgenland geht. Es ist eine sehr starke Volksgruppe, deren Anwesenheit hier weit in die Geschichte zurückreicht. Und es gibt in der Nachbarschaft eine Reihe von Dörfern, die auch kroatische Namen tragen, auch auf den Ortstafeln. Das war – im Gegensatz zu Kärnten – im Burgenland nie mit einem politischen Kampf verbunden. Aber es ist einfach so, dass es die Kraft der Assimilierung gibt, dass man in einem Land die Landessprache sprechen muss, um vorwärts zu kommen. Und es ist sehr, sehr schwierig und natürlich im Grunde fast ein verlorener Kampf, die Jugend zu gewinnen.
Es verlangt viel Kraft, viel Geld, viel Verständnis, um hier in Österreich die ungarische Sprache der Volksgruppe zu bewahren.
Wir reden hier über die Situation der ungarischen Minderheit. Gleichzeitig gibt es sehr, sehr viele ungarische Nicht-Einwanderer, sondern Arbeiter und Angestellte in Österreich. Das heißt, die kommen sozusagen wie Gastarbeiter her, um hier zu arbeiten, sie bilden statistisch die drittgrößte Gruppe. Wenn du heute in einem Restaurant bist, hast du fast überall ungarische Kellner, Oberkellner und nicht nur dort. Und das zeigt ja auch, dass es ein Märchen ist, dass die ungarische Gesellschaft träge ist, denn die Menschen arbeiten sehr wohl und sehr gut, wenn es eben den finanziellen Anreiz gibt. Das hilft natürlich dem positiven Image, dass die Menschen hier sehen: das sind die Ungarn, sie arbeiten gut. Und es trägt auch zu den ungarisch-österreichischen Beziehungen etwas Positives bei. Man muss natürlich auch trennen zwischen den sich hier ansiedelnden Ungarn und solchen, die nur zeitweilig da sind, den Pendlern, sie fahren am Abend wieder zurück nach Ungarn. Durch diese Präsenz kommen vermutlich auch viele Mischehen zustande. Also das heißt, dass der ungarische Einfluss und die ungarische Gegenwart, ihre Präsenz in Österreich, viel stärker ist als die Zahl der registrierten, hier lebenden Ungarn.
AS: Was müsste die österreichische Politik tun, um die ungarische Volksgruppe langfristig zu stärken? Reicht finanzielle Unterstützung aus, oder braucht es auch mehr politische Mitsprache? Immerhin verfügt die ungarische Volksgruppe über keine eigene Vertretung im österreichischen Parlament.
PL: Gibt es niemanden, der die ungarische Volksgruppe vertritt? Nun, auch das kann man nicht von außen vorantreiben. Das muss aus ihrer Gesellschaft, aus der Gruppe selbst kommen, die nachdrücklich sagt: wir wollen das unbedingt. Oder Personen, die aus einer Partei kommen und sich Volksgruppenangelegenheiten zum Programm machen. Also es ist eine schwierige Frage. Ich meine, man sollte finanziell sicher Schulen, Kirchen, Vereinen helfen und sie unterstützen, fördern. Und ich glaube, das passiert vielleicht nicht in dem Ausmaß, wie das sein sollte angesichts der ewigen Sparmaßnahmen. Aber ich bin der Meinung, es ist sehr, sehr wichtig, dass die Regierung und die öffentlichen Stellen eben diese Insel der Ungarn fördern und den Menschen helfen, die in der Volksgruppenarbeit aktiv tätig sind.
AS: 660.000 Euro ist die Summe, die die ungarische Volksgruppe insgesamt vom Bundeskanzleramt jährlich bekommt. Das nur zur Information.
PL: Wie groß ist die ungarische Volksgruppe?
AS: Es gilt ja noch immer die Erhebung bei der Volkszählung aus dem Jahr 2001. Seither wird die Zugehörigkeit zur Volksgruppe nicht mehr erhoben. Damals waren es an die 25.000 Menschen. Aber das ändert sich natürlich im Laufe der Zeit. Es gibt derzeit keine verifizierbaren Zahlen über die tatsächliche Größe der ungarischen Volksgruppe.
PL: Aber ich bekomme die Daten über die jährliche Zuwanderung nach Österreich und da sind die Ungarn ganz oben.
AS: Obwohl sie in diesem Bereich eine führende Rolle spielen, sind sie von der Vereinsförderung ausgeschlossen, weil sie die Kriterien der Volksgruppenzugehörigkeit nicht erfüllen.
PL: Also dann sollte die Förderung sicher höher sein, wenn es 20.000 oder 25.000 autochthone Ungarn gibt.
AS: Nun zu etwas anderem: Meinst du, dass unabhängiger Journalismus heute schwieriger geworden ist als zum Beginn deiner Laufbahn?
PL: Sehr schwierig, obwohl: ganz am Anfang meiner Laufbahn lebte ich in einer Diktatur. Aber ich kann nur sagen, dass die Situation heute aus zwei Gründen schwierig ist. Erstens wegen der Konzentration der Medien, wenn du bei einer Zeitung nicht aus politischen, sondern aus persönlichen Gründen mit jemandem nicht auskommst, kannst du nicht zu einer anderen Zeitung gehen, einfach weil es weniger Zeitungen gibt. Und Nummer zwei, die sogenannten sozialen Medien, die dazu führen könnten, dass die Zeitungen unter ihrem Druck aussterben. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Ich glaube aber daran, dass gedruckte Zeitungen weiter existieren werden, genauso wie die Bücher weiterhin gedruckt werden. Aber es ist ein ständiger Kampf. Und in dieser Hinsicht ist es heute zweifellos schwieriger als es in meinen früheren Jahren als Journalist war.
AS: Gibt es journalistische Tugenden, die du sehr geschätzt hast in deiner ganzen Karriere, die heute unterschätzt werden, die nicht mehr so wichtig sind?
PL: Persönliche Erfahrenheit ist sehr wichtig, persönlicher Mut und Sauberkeit in der Arbeit. Und vor allem Neugier, die ist das Allerwichtigste. Nicht nur für einen Journalisten, für jeden Menschen, aber für Journalisten oder Schriftsteller ist das eine elementare Vorbedingung. Die Neugierde, die brauchst du auf alle Fälle.
AS: Lass uns noch über das Schreiben selbst sprechen. Du bist ja ein Vielschreiber, ein ständig Schreibender. Wenn du einen Kommentar schreibst, die Kolumne für den Standard beispielsweise. Wie setzt du das an? Beginnt es mit einer Beobachtung, die du machst? Oder stellst du dir eine Frage? Oder hast du schon eine klare Meinung und dann setzt du dich hin zum Schreiben?
PL: Das hängt natürlich auch von den Ereignissen ab. Wenn ich eine Kolumne schreibe, will ich, dass viele Leute sie lesen. Und natürlich könnte ich über verschiedene abstrakte Themen schreiben. Aber man sieht die Beliebtheit eines Themas an den Postings, in wie vielen Postings auf den Text reagiert wird. Sicherlich sind es mehr, wenn ich über die österreichische Innenpolitik schreibe, als wenn ich über die politische Situation in Bulgarien schreibe, obwohl das auch wichtig ist. Aber meine Themenwahl hängt natürlich auch von den aktuellen Ereignissen ab. Heute ist zum Beispiel Samstag. Soll die Kolumne am Dienstag erscheinen, muss ich den Text bis Montag mittags, spätestens am frühen Nachmittag - 3200 Zeichen mit Leerzeichen – an die Redaktion senden. Wie lege ich das an? Ich denke mir Sonntag früh, ich schreibe heute über dieses oder jenes Thema. Ich könnte jetzt zum Beispiel schreiben, dass diese Affäre um den Wirtschaftskammerpräsidenten Wiens eine unglaublich große Gefahr für Österreich ist. Oder soll ich darüber schreiben, dass in der Westbank die Palästinenser angegriffen werden und die derzeitige israelische Regierung unter dem Einfluss des extrem rechten Flügels dies toleriert, was natürlich auch in Gaza zu Aufruhr führt und in der Folge zu verstärktem Antisemitismus? Es ist auch ein wahnsinnig kompliziertes Thema. Darüber denke ich jetzt gerade nach. Aber es ist durchaus möglich, dass noch etwas Unglaubliches passiert, morgen Vormittag vielleicht. Und dann schreibe ich darüber. Also es gibt so viel, was in der Welt passiert, worüber man schreiben kann. Meine Frau sagt mir, wenn ich am Donnerstag oder Freitag mit einem Thema komme, über das ich schreiben möchte, „was willst du, die Kolumne kommt doch erst am Dienstag“. Also ich treffe die finale Entscheidung dann Samstag oder Sonntag früh.
AS: Streichst du im Schreibprozess mehr Sätze als du behältst? Ich gehe davon aus, dass du mehr behältst, weil du mit einer Sicherheit an das Thema herangehst.
PL: Also ich schreibe nur, wenn ich spüre, dass ich etwas Essentielles sagen kann. Und ich bereite mich natürlich sehr vor, ich versuche im Web alles zu lesen, was zu diesem Thema passt.
In dieser Hinsicht ist Schreiben eine Bildung, Selbstbildung, permanente Bildung, weil man immer neue Dinge lernt.
Ich habe neben meiner journalistischen Arbeit ja sieben Bücher auf Englisch, den Rest auf Deutsch geschrieben, insgesamt 21 Bände. Jetzt arbeite ich an einem neuen Buch und jede Woche gibt es natürlich auch die Kolumne. Und so bleibe ich in der Übung.
AS: Wie viele deiner Bücher sind auf Ungarisch erschienen?
PL: Auf Ungarisch sind, glaube ich, acht oder neun. Die letzten Bücher sind alle auf Ungarisch erschienen. Auch das allerletzte Buch, Wer bin ich?, erscheint jetzt im Herbst, im Oktober, glaube ich, in Budapest. Die Übersetzung kontrolliert meine Frau.
AS: Ich weiß aus deinen Interviews und auch aus Gesprächen mit dir, dass Literatur für dich sehr wichtig ist. Gibt es irgendein Buch, von dem du sagst, das hat mich beeinflusst, das hat mein Denken verändert, nachhaltig. Gibt es für dich irgend so eine Lektüre?
PL: Ja, aus der Vergangenheit hat mich sicher unter den ungarischen Schriftstellern Sándor Márai, sehr, sehr geprägt. Und vor allem Stefan Zweig. Mein allererster Versuch, etwas zu schreiben, als ich 16 war, war über Stefan Zweig. Er war mein Lieblingsschriftsteller. Ich habe alles von ihm gelesen. Die Welt von gestern, das ist natürlich ein grundsätzliches Buch um Österreich, die Welt, das Judentum, um das alles zu verstehen. Also ich würde sagen, das war für mich sehr wichtig. Dann natürlich die Bücher von Emil Ludwig, der heute nicht mehr so bekannt ist. Es ist aber kürzlich eine Biografie über ihn erschienen. Wie schnell man Leute vergisst….! Und wer mich noch sehr beeindruckt hat, ist Sir Isaiah Berlin. Beeindruckend auch Michael Ignatieffs Biografie von Isaiah Berlin und auch die Briefwechsel von Isaiah Berlin über Literatur, Philosophie, Gesellschaft und so weiter. Also es gibt viele wichtige Bücher und ich zitiere auch manchmal zu viel, aber lieber sollen Leute durch Fußnoten geplagt werden, als zu sagen, ich plagiere.
AS: Und kehrst du zu diesen Autoren manchmal auch zurück? Zum Beispiel zu Stefan Zweig. Nimmst du seine Bände noch manchmal aus dem Regal?
PL: Ja, sicher. Ich habe sie sogar neu gelesen. Oder zum Beispiel Arthur Koestler, den ich leider persönlich nicht gekannt habe. Aber seine Bücher und seine Autobiografie sind fantastisch. Natürlich, ich nehme sie immer wieder zur Hand. Oder Paul Valéry, ich zitiere oft auch aus seinen Büchern.
AS: Und du schreibst ja heute auch noch unglaublich viel. Du gibst jedes Jahr ein Buch heraus, oder? Und du bist ständig auf Lesereisen.
PL: Nicht jedes Jahr. Fast jedes Jahr. Ich schreibe, wenn ein Verlag kommt und mich beauftragt, ich schreibe nie, habe nie in meinem Leben für mich oder für den Schreibtisch geschrieben. Ich kann nur schreiben, wenn ich einen Vertrag habe. Nicht wegen des Geldes, aber wegen des fixen Termins. Der ist für mich wahnsinnig wichtig. Jetzt schreibe ich dieses neue Buch, das soll bis Anfang nächsten Jahres fertig werden. Aber man erlebt auch Rückschläge… Meine letzten zwei, drei Bücher erschienen auch auf Englisch. Zwei habe ich selbst übersetzt und jetzt hat der englische Verleger kurz geschrieben, dass mein letztes Buch in England so schlecht verkauft wurde, dass sie das Neue aus kommerziellen Gründen nicht mehr herausgeben. Das hat mich tief verletzt. Und dasselbe Buch, das in England nicht verkauft werden konnte (Über die Heuchelei), auch weil es einen schlechten Titel hatte (About the Hypocrisy), war in Österreich Jahresbestseller. Wir haben 20.000 in einem Land mit 8 Millionen Einwohnern verkauft. Aber ich schreibe nicht jedes Jahr. Wenn dem Verleger ein Vorschlag gefällt, dann besprechen wir ihn genauer. Und dann schreibe ich und versuche das Manuskript rechtzeitig abzuliefern. Da bin ich sehr präzise, weil ich weiß, dass viel davon abhängt, dass man die Termine einhält.

AS: Zum Schreiben eine letzte, private Frage. Hast du irgendwelche Gewohnheiten oder Rituale, ohne die du nicht schreiben könntest? Brauchst du einen Schreibtisch, Computer, oder brauchst du ein bestimmtes Ambiente?
PL: Ich muss einen Computer, einen Laptop haben. Früher habe ich auf der Schreibmaschine geschrieben oder diktiert. Ich schreibe nicht mit der Hand, weil diese Schrift kann nur ich lesen und ab und zu meine Frau. Ich schreibe mit dem Laptop und es ist wichtig für mich, dass es in der Umgebung Ruhe ist. Also zum Beispiel jetzt im Burgenland, da sehe ich grüne Bäume und alles ist still, das ist absolut ideal. Ich habe nie in einem Kaffeehaus geschrieben, ich habe immer zu Hause geschrieben. Der große Unterschied ist, früher habe ich zum Schreiben ab und zu ein Glas Wodka getrunken und manchmal sind es sogar mehr geworden. Aber jetzt trinke ich fast überhaupt nichts, geschweige denn während des Schreibens. Und wichtig ist, dass das Ambiente da ist. Manchmal ergeben sich Schwierigkeiten, weil meine Frau zu Recht fühlt, dass ich sie vernachlässige oder nicht mit ihr etwas gemeinsam unternehme, sondern schreibe. Aber das gehört zum Zusammenleben, dass man das bespricht und man findet, so wie in Österreich bei der Sozialpartnerschaft, einen schöpferischen Kompromiss.
AS: Und dann eine letzte Frage an dich. Wenn du heute nochmal beginnen könntest, würdest du diesen Weg noch einmal wählen? Oder würdest du heute sagen, ich möchte gerne Herzchirurg werden oder etwas ganz anderes? Etwas viel Ruhigeres?
PL: Das hängt sehr von der Begabung ab. Ich wäre wahnsinnig gern Dirigent geworden, wenn ich die Begabung gehabt hätte. Aber da ich die Begabung nicht habe, kann ich nur sagen, ich bedaure es nicht, dass ich Journalist und politischer Schriftsteller geworden bin.
Alle Fotos: Zsóka Lendvai, Jugendfoto https://www.lendvai.at



