top of page

„Ohne engagierte Menschen funktioniert keine Volksgruppenarbeit!“

  • Andrea Seidler
  • Jul 29
  • 11 min read

Wenig Fördermittel, wenig Sendezeit, immer weniger Freiwillige – und dennoch behauptet sich eine der erfolgreichsten Institutionen der burgenländischen Ungarn. Im zweiten Teil unseres Interviews spricht Attila Somogyi, Vorsitzender des Ungarischen Volksgruppenbeirats und Leiter der Volkshochschule der burgenländischen Ungarn in Oberwart, offen über die Kriterien der Verteilung der Volksgruppenförderungen, die Herausforderungen des Ungarischunterrichts heute, die Situation der burgenländisch-ungarischen Medien sowie darüber, warum gemeinschaftliches Engagement in Österreich heute vor allem eines braucht: persönliche Überzeugung und Idealismus.


Andrea Seidler: Du stehst ja nicht nur dem Volksgruppenbeirat, sondern auch dem Verein der Volkshochschule der burgenländischen Ungarn in Oberwart vor. Seit wann gibt es den?


Attila Somogyi: Seit 1990, also 36 Jahre, unter anderem Namen, damals noch Volkshochschule für Ungarische Sprache und Kultur. András Ráth, der Bürgermeister und Volksschullehrer in Unterwart und einige andere Akteure noch, wie zum Beispiel die Lívia Pathy und andere Lehrer waren auch noch beteiligt, Nikolaus Steiger und so weiter. Mir ist die Vereinsleitung angetragen worden, und zwar kurz vor der Auflösung des Vereins, wegen dessen Untätigkeit. Und einer der Vorstandsmitglieder des damaligen Vereins, Johann Decker ist an mich herangetreten, und hat mich gefragt, ob ich die Leitung nicht übernehmen will, weil ich Lehrer seiner Kinder war. Wir haben dann das erste Mal ein Programm aufgestellt, das haben wir heute noch, selbst gefaltete Blätter für die ungarischen Sprachkurse, ungarische Volksmusik, burgenländisch-ungarische Volksmusik samt Kurs und den Schwerpunkt auch auf das Warter Liedgut. Das ist ganz gut gegangen, das war eine sehr schöne Zeit, weil da die alten Oberwarter, die die Lieder noch gekannt haben, mit Begeisterung gekommen sind, sich hinten im Gasthaus Drobitsch getroffen haben. Sie haben zusammen gesungen, einer hat seine Harmonika mitgebracht. Dort bin ich auch auf die Idee gekommen, dass man so etwas kursmäßig anbieten müsste. Wir haben uns später einen Zitherlehrer geholt, Zitherspielen gilt doch als urungarische Musik, klassisch ungarisch, dieser Sound ist einzigartig, wird sofort mit den Ungarn verbunden. Und dann habe ich das zuerst beim Burgenländisch-ungarischen Kulturverein organisiert gemacht, eine Kindergruppe gegründet und später auch über das Zweisprachige Bundesgymnasium die Kinder rekrutiert, dass sie dieser Gruppe beitreten. Dann haben wir diese Volksmusikkurse weiter angeboten, auch Erwachsene dazu gewonnen, wir haben begonnen Sommercamps zu machen, parallel natürlich zum Standardprogramm (Sprachkurse), dazu gehören natürlich Kinderkurse für Ungarisch, die unter der Woche laufen, Erwachsenen-Ungarisch-Kurse, Sprachkurse für alle Niveaus.


Őri Banda
Őri Banda

In der Mitte der 2000er Jahre haben wir die Höchstzahl erreicht, da haben wir parallel 16 Kurse laufen gehabt, das war die Zeit des ungarischen EU-Beitritts. Da haben sich die Leute gemeldet, und das ist damals sehr gut gegangen, ich habe fast keine Vortragenden mehr bekommen, so groß war die Nachfrage. Und natürlich ist auch diese Volksmusikgeschichte ein Selbstläufer geworden. Aus den Kursteilnehmern und den Kindern, die wir im Sommerlager begeistern konnten, ist eine Gruppe entstanden. Die wollte das zu Hause in Oberwart auch weitermachen und aus dem ist die Őri Banda entstanden. Die heute älteste aktive ungarische Volksmusikgruppe Österreichs, und das seit 25 Jahren. Wir haben bereits drei CDs und ein Lehrbuch dazu herausgegeben.



Andrea Seidler: Stimmt, das alles ist ja auf deine Initiative zurückzuführen.


Attila Somogyi: Sowohl die Zitherspieler als auch den Singkreis haben wir in späterer Folge nach Altersgruppen aufgeteilt. Wir haben jetzt eine eigene Nachwuchsgruppe. Und alles innerhalb des Vereins der Volkshochschule. Auch die Őri Banda funktioniert noch immer. Wir haben natürlich auch viel Material bekommen, ich habe einen guten Lehrer aus Ungarn geholt, János Földesi, mit dem wir dann auch gemeinsam ein Lehrbuch der Burgenländisch-ungarischen Volksmusik-, auf Basis der Liedersammlung von Gyula Kertész, herausgegeben haben. Er war der erste, der bei uns in größeren Maßen gesammelt hat. Er war ein Kollege von Zoltán Kodály und hatte diese Sammlung vorher nie herausgegeben. Er arbeitete am Musikwissenschaftlichen Institut in Budapest. Wir haben diese Sammlung bekommen, weil wir schon etwas vorweisen konnten, nämlich unsere erste CD, Burgenländisch-ungarische Volksmusik I., das hat ihnen gut gefallen und so habe ich dieses Material persönlich bekommen. Wir haben für das Projekt vom Bundeskanzleramt und vom Land Burgenland Unterstützung bekommen. Um diese „Pionierarbeit“ leisten zu können war aber natürlich sehr viel persönlicher Einsatz notwendig. Und wir haben dann nicht nur das Lehrbuch herausgegeben, sondern gleich eine CD mit dem Klangmaterial dazu. Zusätzlich haben wir noch die Originalaufnahmen von der Sammlung.


Andrea Seidler: Und wie viele Kurse habt ihr jetzt?


Attila Somogyi: Momentan haben wir sieben Kurse laufen. Es ist nicht mehr so viel wie früher, die Begeisterung für Ungarisch ist leider stark zurückgegangen. Und was wir noch weiter beobachten, ist, dass sich die Nachfrage stark in den Bereich Onlinekurse hin entwickelt. Die gehen jetzt besser. Was beliebt ist, ist auch der Sommerkurs, den veranstalten wir auch jährlich. Da melden sich jetzt die Leute immer noch, im Sommer eine Woche intensiv. Nicht unbedingt online, sondern die sind dann eher in Präsenz, weil dann gibt es ein Rahmenprogramm dazu in Oberwart. Und teilweise in Ungarn, wir machen Exkursionen dazu, und so gibt es auch die zweiwöchige oder dreiwöchige Variante, die beliebteste ist die einwöchige. Und ausgelagert machen wir das auch, eine Plattenseewoche gibt es auch für die Erwachsenen, so wie für die Kinder, eine Sommersprachwoche mit einem Schwerpunkt, ein intensives Sommersprachlager, bei dem die Erwachsenen dann aber am Abend auch allein ein bisschen fortgehen können, auf die muss man nicht aufpassen. Dort bieten wir aber natürlich auch Rahmenprogramm an, wer will, kann sich dem anschließen.


Sommerlager
Sommerlager

Andrea Seidler: Und das ist alles im Rahmen der ansässigen Volkshochschule? Ich höre oft die Frage, warum ihr nicht zusammenarbeitet mit der hiesigen Volkshochschule?


Attila Somogyi: Natürlich arbeiten wir zusammen, sonst würden wir nicht hier sitzen. Wir nutzen die Infrastruktur. Das ist eigentlich der Landesverband Volkshochschule. Wir dürfen hier gratis das Büro benutzen. Die Lehrsäle müssen wir je nach Stunden zahlen, aber zu einem vernünftigen, entgegenkommenden Preis muss man sagen. Das ist sehr nett und natürlich nutzen wir da die Synergieeffekte mit. Wir sind im Programmheft des Burgenländischen Landesverbandes drinnen, aber thematisch. Man erkennt unsere Aktivitäten daran, dass wir VHS Ungarn als Anmeldeadresse haben. Die Anmeldungen administriere ich.


Andrea Seidler: Wenn man jetzt von deiner Person ausgeht, was bist du hier? Obmann? Oder wie nennt man deine Funktion? Geschäftsführer, Vorsitzender. Das ist jetzt nicht eine unentgeltliche Volksgruppenarbeit, das ist schon eine fixe Stelle, oder?


Attila Somogyi: Das ist natürlich eine Stelle. Wir haben auch ein funktionierendes, akkreditiertes Sprachprüfungsinstitut dazu. Da muss man natürlich ausgebildeter akademischer Lehrer sein und ständig die Fortbildungen machen, was natürlich sehr zeitaufwendig und finanziell aufwendig ist. Und das Angebot wird schon gesucht, also die Leute können sich dann auch im Beruf verbessern, wenn sie dieses Zertifikat haben. Das Interesse ist leider in der letzten Zeit zurückgegangen. Vielleicht steigt es jetzt wieder mit der neuen politischen Situation.


Andrea Seidler: Und wie finanziert ihr euch neben der Unterstützung durch das BKA?


Attila Somogyi: Wir finanzieren uns durch die Beiträge der Kursbesucher. Das ist auch für sich so kalkuliert, dass sich ein Sprachkurs selbst trägt. Das ist der einzige Verein im Burgenland, der dafür keine Förderung braucht, wir finanzieren die Sprachkurse selbst. Über die Kurse. Ohne Gewinn.

Wir wollen ja, dass die Leute viele Kurse machen in Ungarisch. Und das ist auch ein Unterschied zur Regionalstelle und zum Landesverband.

Der Landesverband verlangt für die Ungarischkurse eine höhere Kursgebühr, weil sie natürlich auch ihr Personal damit mitfinanzieren. Ich bin in einer Anstellung, die natürlich subventioniert wird vom Bundeskanzleramt. Und daher können wir es so machen, dass wir die Ungarischkurse organisieren und nicht so viel verlangen wie profitorientierte Organisationen. Und das ist der Vorteil, ein direkter Benefit für die Volksgruppe. Wir bieten auch speziell Ungarischkurse für Volksgruppenangehörige an, die schon ein bisschen sprechen können, für die gibt es meistens auf der Standard-Volkshochschule keinen Kurs, sondern da gibt es Anfängerkurse und die sterben meistens dann im 4. Semester aus. Und natürlich auch weitere Anfragen für Sprachdiplome, Polizisten zum Beispiel, die springen mit dem Zertifikat sogar eine Gehaltsstufe. Bei der Polizei ist das konkret so, da haben wir schon mehrere Kunden gehabt, die profitieren beruflich wirklich davon, also dieses ICL-Zertifikat C1 oder B2 machen. B2 wird ja auch anerkannt, auch als Studienberechtigungsprüfung. Wir machen aber nicht das, was viele andere Vereine, die im Bundeskanzleramt gefördert sind, machen: wir machen keine Deutschkurse. Das ist nicht Volksgruppenziel. Wir kriegen auch vom Land und vom Unterrichtsministerium Förderungen. Das Unterrichtsministerium läuft über die Volkshochschule. Die Volkshochschule bekommt das gesamte Geld und wir unseren Teil von den Volkshochschulen.


Andrea Seidler: Dann noch eine wichtige Frage: Glaubst du, dass das ungarische Medienangebot in Österreich groß genug ist? Bist du zufrieden mit dem, was es gibt? Glaubst du, hätte da noch was Platz?


Attila Somogyi: Das steht auch in unserem offenen Brief an die Politiker drinnen. Das ist zwar gut und super, ORF bürgt für Qualität, sollte im Volksgruppenbereich auch so sein, ist aber ausbaufähig. Vor allem die Sendezeit! Wenn wir uns vergleichen, wir sind nicht so viel kleiner als die kroatische Volksgruppe, die haben wöchentlich eine 25 Minuten Sendung oder sogar ein wenig mehr, aber wir Ungarn haben nur alle zwei Monate eine über 20-minütige Sendung, das ist sechs Mal im Jahr. Was ist das im Vergleich? Sechs Mal im Jahr! Das ist sehr wenig. Aber das ungarischsprachige Radio gibt es. Das Rundfunkradio ist gut. Das Problem ist aber, dass wir sprachlich schon auf der letzten Stufe sind, auf der letzten Stufe des Sprachwechsels. Wir haben fast keine jungen Leute, die gut genug Ungarisch können. Daher müssen wir uns in diesem Bereich mit Personal aus Ungarn aushelfen. Die sind dann natürlich nicht in der autochthonen Volksgruppe verwurzelt und vernetzt, was man dann teilweise am Programm auch merkt und natürlich in der allgemeinen Gestaltung der Inhalte. Das gilt nicht nur für den regionalen ORF, sondern natürlich auch für die anderen Medien, sei es Rólunk, sei es Radio Mora. Alle Medien im Burgenland. Mora kenne ich nicht so gut, aber das ist sogar viersprachig. Es wird immer besser, wird auch immer bekannter. Aber dadurch, dass es ein Internetradio ist, kenne ich es nicht so gut. Ich schaue meistens ORF, muss ich gestehen. Ich kann mir die Online-Sendungen allerdings auch später anhören, auch die Podcasts. Und da wünschen wir uns alle natürlich mit Nachdruck viel mehr. Die Sendezeiten sind eine Katastrophe. Das ist eine Beleidigung für die Volksgruppe. Dass man zwei Monate braucht, bis man über eine Veranstaltung berichtet. Es kann uns aber auch keiner erklären, warum das so ist. Eine Begründung von der Politik habe ich nicht bekommen. Ich habe seinerzeit Frau Minister Raab geschrieben: 2001 war die letzte Volkszählung, wo der ungarische Sprachgebrauch angekreuzt werden konnte. Es gab 25.855 Personen, die das angekreuzt haben, 25.855 Personen in ganz Österreich, die die österreichische Staatsbürgerschaft haben und Ungarisch als Umgangssprache angekreuzt haben. Also das ist die letzte Zahl, die bekannt ist. Dann hat man auf digital umgestellt und die Umgangssprache nicht mehr erhoben. Das sind unsere letzten aktuellen Zahlen.

Also 2001 waren wir so viele und damit viel größer als jede andere autochthone Volksgruppe in Österreich. Aber an der Förderstelle sind wir auch aktuell erst an dritter Stelle.

Im Vergleich dazu: die slowenische Volksgruppe bekommt ungefähr 1,8 Millionen, die Kroaten 1,7 und die Ungarn 666.000.


Andrea Seidler: Was du hier anführst, diese 2001er Erhebung, ist nach 25 Jahren doch nicht mehr aktuell. Oder beziehen sich die anderen Volksgruppen auch auf diese letzte Erhebung der Regierung?


Attila Somogyi: Wir haben natürlich geschrieben, dass es aus unserer Sicht nicht mehr gerecht ist. Und auch nicht wahr. Als die Ungarn in Wien anerkannt wurden, hat man einfach nur den damaligen Förderbetrag aus dem Burgenland verdoppelt. In Burgenland waren 4.500 Ungarn damals, und in Wien 14.000. Die ungarischen Vereine, die jetzt aktiv sind teilen sich derzeit 660.000 Euro, wobei die Basissumme auf zwei Bundesländer, Burgenland und Wien, ziemlich paritätisch aufgeteilt ist.


Andrea Seidler: Und wenn es jetzt mehr Geld gäbe, glaubst du, dass das realistisch ist, dass mehr Vereinsarbeit geleistet wird? Glaubst du, dass die Volksgruppe aktiver werden wird?


Attila Somogyi: Ja, natürlich, weil da musst du ja als Verein auch mehr machen. Das Bundeskanzleramt finanziert ja Projekte nicht aus, sondern unterstützt sie nur.


Andrea Seidler: Aber wo nimmst du die Leute für die unentgeltliche Volksgruppenarbeit her? Ich habe in Wien immer das Problem, wo nehme ich die Leute her?


Attila Somogyi: Das ist schwer, natürlich. Und das Vereinswesen wird natürlich auch immer professioneller. Du brauchst schon fast buchhalterische Kenntnisse. Ich bin auch kein Buchhalter und schwitze bei der Abrechnung und allein die Ansuchen ausfüllen, das ist schon die erste Riesenhürde. Es wird sehr kompliziert. Die Abrechnung ist sehr streng, sodass man damit sehr viel Zeit verbringen muss. Das müsste man vereinfachen.


Andrea Seidler: Und inwieweit kann oder greift der Volksgruppenbeirat in die Anträge der einzelnen Vereine ein? Gibt es da eine qualitative Überprüfung? Gibt es auch im Nachfeld eine Evaluation, ob das Projekt gut gemacht wurde oder nicht?


Attila Somogyi: Ich bin ja schon länger Volksgruppenbeirat, und wir haben jetzt zum allerersten Mal feste Kriterien, natürlich neben den Kriterien, die das Bundeskanzleramt ausgibt und die, muss man sagen, sind sehr gut und sehr präzise. Aber trotzdem trifft es nicht immer ins Ziel. Was der Volksgruppe vielleicht wichtiger ist, was wir schwerpunktmäßig ausbauen wollen, ist zum Beispiel Kinder- und Jugendarbeit, gute Kinder- und Jugendarbeit natürlich. Wo wir dann auch wissen, dass die Qualität stimmt. Zum Beispiel haben wir 2014 diesen Kriterien, die vom Bundeskanzleramt ausgegeben wurden, auf Basis dieser Erkenntnisse noch eine Ergänzung beigefügt. Das war unser erster Kriterienkatalog. 2014, da war Iris Zsótér gerade Vorsitzende, haben wir ihn im Teamwork ausgearbeitet. Seitdem ist dieser Kriterienkatalog immer herangezogen worden, als Hilfe bei der Beurteilung der Förderungen. In Zeiten, in denen die Inflation steigt und die Förderung nicht erhöht wird, ist es umso wichtiger, dass ein bisschen Feinschliff gemacht wird, dass man nicht mit dem Gießkannenprinzip arbeitet, sondern wirklich schaut, was wichtig ist für die Volksgruppe. Es gibt Strukturen, die wichtig sind, dass zum Beispiel jemand vor Ort ist und arbeitet, damit etwas geschieht, ein Dienstleister für die Volksgruppe. Das sind natürlich die Personalkosten von den wirklich wichtigen Institutionen wie die Volkshochschule, die Kulturvereine, die wichtige Arbeit leisten, Kindergruppen betreuen, Sommerlager organisieren, zertifizierte Sprachprüfungen anbieten und so weiter, die müssen natürlich schwerpunktmäßig gefördert werden.


Andrea Seidler: Aber was ist zum Beispiel bei euch ein Kriterium, um an Volksgruppenförderungen zu gelangen? Wann ist man ein Volksgruppenverein und wann ist man das nicht?


Attila Somogyi: Ein Volksgruppenverein zu sein, ist bei uns nicht das Kriterium. Was wir berücksichtigen, sind aber österreichische Staatsbürger mit ungarischer Kultur und Sprache. Wir wissen, dass es nicht überall so ist, aber das kann man nicht immer so genau überprüfen. Es gibt Vereine, in denen mehr Personen tätig sind, auf die die Definition zutrifft und solche, in denen weniger sind. Vorher haben wir über die Medien gesprochen.

Wenn wir die bodenständige ungarische Kultur in Österreich fördern wollen, dann sollte man natürlich schauen, dass man die richtigen Personen dort ansetzt. Und das ist wichtig, weil einer der mit Herz und Blut diese Arbeit mit einer echten Erdung zu seiner Heimat betreibt,

hier im Südburgenland und in Oberpullendorf und wo die autochthone Volksgruppe daheim ist, in Wien. Wenn man dafür nicht die richtigen Leute findet, so ist der Dienst nach Vorschrift und nicht Arbeit mit Herz und Überzeugung und Inbrunst.


Andrea Seidler: Es kommt ja immer die Kritik, dass eben Vereine, die nicht diesen Volksgruppenkriterien entsprechend wahnsinnig viel machen in Bezug auf Jugendarbeit und den Erhalt der ungarischen Kultur und der Traditionen, und die werden aber nicht gefördert, weil sie eben rausfallen aus dem Kriterienkatalog?


Attila Somogyi: Aus dem Kriterienkatalog nicht, aus dem Volksgruppengesetz!


Andrea Seidler: Das meine ich, ja. Und glaubst du, dass sich das in Zukunft ändern wird, dass da der österreichische Staat vielleicht dem auch gerecht werden wird, dass sich auch die gesellschaftliche Landschaft der Ungarn verändert hat.


Attila Somogyi: Wir sehen momentan keine Zeichen, wir haben das öfter angesprochen und den Wunsch geäußert, nicht so restriktiv zu sein, was das betrifft. Weil die Realität schon an den Möglichkeiten, die die Europäischen Union anbietet, scheitert, an der Fluktuation der EU-Bürger.


Andrea Seidler: Und wenn man sich die österreichischen ungarischen Vereine ansieht, zum Beispiel den Zentralverband, unsere Schule, die Bécsi Magyar Iskola. Sie würde auf wenig Interesse stoßen, hätten wir nicht die Kinder, die aus Ungarn kommen und Ungarisch weiter lernen wollen. Und der Verein entspricht dem Kriterienkatalog, aber die, die unsere Dienste konsumieren, schon lange nicht mehr. Das ist ein gewisser Widerspruch.


Attila Somogyi: Ja, aber im Endeffekt ist es so, dass das Bundeskanzleramt das nicht so streng nehmen kann. Das wird eigentlich nie überprüft. Eine Zeit lang war es so, da kann ich mich noch erinnern, da haben wir noch die Listen von den Teilnehmern des Sommerlagers geführt. Die Dinge stehen jetzt schon unter Datenschutz. Der Volksgruppenbeirat hat auch nicht die Möglichkeit zu überprüfen, ob alle Bedingungen gegeben sind und die Projekte richtig verwirklicht worden sind. Wir sind ja kein Exekutiv- und Überprüfungsorgan, wir können nur in interner Sitzung, deren Inhalt nicht nach außen dringen darf, Gemeinschaftsbeschlüsse fassen. Das ist ein 16er Gremium, das entscheidet, und es wird auch immer auf die Verschwiegenheitsklausel hingewiesen,


Andrea Seidler: Und jetzt sag mir noch, wo siehst du dich selbst in 10 Jahren in der Volksgruppenarbeit? Du machst unverdrossen weiter, nehm‘ ich an.


Attila Somogyi: Natürlich mach ich weiter. Ich habe ja hier Aufbauarbeit betrieben, der Verein ist von mir vor dem Zusperren übernommen worden. Ich bin sehr stolz darauf, was ich erreicht habe. Wir sind jetzt ein Vorzeigemodell, ein Top-Vorzeigemodell für Volksgruppen, Erwachsenenbildungs- und außerschulischer Bildungsverein, akkreditiert, zertifiziert, ausgezeichnet, Europa-Siegel für Sprachenprojekte, Staatspreis für Erwachsenenbildung 2008, das hat kein einziger anderer ungarischer Verein zusammengebracht. In der Freizeit habe ich das gemacht, das meiste selbst, als Einzelinitiative, natürlich mit meinen Themen. Aber das kannst du keinem Freiwilligen, der das in seiner Freizeit macht, mehr zumuten. Nach zwei Tagen ist der weg. Ich mache es, weil ich auch so erzogen wurde. Da habe ich sehr viel von meinem Vater und meiner Mutter gelernt, die 56er-Flüchtlinge waren und denen auch nichts geschenkt wurde. Ich mache weiter.


Andrea Seidler: Dann wünsche ich dir für die weiteren Jahre viel Kraft und Ausdauer! Danke für das Gespräch.

Laptulajdonos: Ausztriai Magyar Egyesületek és Szervezetek Központi Szövetsége
A - 1010 Wien, Schwedenplatz 2.
Levelezési cím: A - 1011 Wien, Postfach 58.

Telefon: +43 1 532 6049
Email: redaktion@becsinaplo.at

Facebook_Logo_2023.png

Minden jog fenntartva © 2026 Bécsi Napló / Ausztriai Magyar Egyesületek és Szervezetek Központi Szövetsége

Copyright © 2026 Wiener Diarium / Zentralverband Ungarischer Vereine und Organisationen in Österreich. Alle Rechte vorbehalten.

A honlaponunkon olvasható vélemények nem feltétlenül képviselik a szerkesztőség álláspontját.
Die auf unserer Website geäußerten Meinungen, Kommentare und Gastbeiträge spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion oder des Herausgebers wider.

bottom of page