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"Die Rechte sind da – aber sie werden nicht durchgesetzt"

  • Seidler Andrea
  • Jul 12
  • 12 min read

Mag. Attila Somogyi steht seit vier Jahren dem ungarischen Volksgruppenbeirat vor, war davor bereits über 20 Jahre lang Mitglied des Beirates und ist darüber hinaus Geschäftsführer der Ungarischen Volkshochschule in Oberwart. Andrea Seidler führte mit ihm in Oberwart, wo er auch Pädagoge am Zweisprachigen Gymnasium ist, das folgende Interview, in dessen Zentrum die Forderung nach einem durchgehenden ungarischsprachigen Schulunterricht und die erwünschte Neuformulierung des mittlerweile 50-jährigen Volksgruppengesetzes steht.


Andrea Seidler: Beginnen wir vielleicht gleich mit einer der Kernfragen, die Gegenwart und Zukunft der autochthonen Volksgruppe in Österreich betreffend: Wie schätzt du die Chancen auf ihr Fortbestehen ein, welche Maßnahmen sind unentbehrlich, um den zahlenmäßigen Schwund der Angehörigen zu bremsen?


Attila Somogyi: Man muss ehrlich sein und bekennen, dass die autochthonen Ungarn in Österreich weniger werden, und zwar aus den bekannten Gründen: In den Familien wird nicht mehr Ungarisch geredet, dabei ist das das Wichtigste, um den Erhalt der Sprache zu garantieren. Viele Menschen können es nicht mehr, weil auch in der Schule der Sprachunterricht gefehlt hat und noch immer an vielen Orten fehlt. Und dadurch wird die autochthone Gruppe kleiner. Die Migrationsgruppe, die aus Ungarn nach Österreich kommt, vermischt sich auch nicht wirklich mit der Volksgruppe, vor allem nicht auf dem Land. Die meisten haben eher das Bemühen, sich schneller in die österreichische Gesellschaft zu integrieren, und glauben, dadurch, dass sie nicht mehr Ungarisch reden und nicht in den ungarischen Kreisen verkehren, dass das schneller und besser geht und dass das für ihre Kinder besser ist, weil sie dann besser Deutsch lernen. Das ist aber, wie wir als Sprachlehrer wissen, der komplett falsche Ansatz.



Attila Somogyi in der Ungarischen Botschaft in Wien
Attila Somogyi in der Ungarischen Botschaft in Wien

Andrea Seidler: Und hast du das Gefühl, das ist für ganz Österreich gültig? Du machst das jetzt am Land fest, hier ist es vermutlich so. In Wien habe ich überhaupt nicht das Gefühl, dass die Ungarn, die herziehen, sich nicht darum bemühen, mit den schon hier ansässigen Ungarn in Kontakt zu kommen.


Attila Somogyi: In der Stadt ist es leichter, da gibt es größere Organisationen, da findet man auch leichter Anschluss. Es gibt dort ein großes Programmangebot. Wenn du in ein österreichisches Dorf ziehst, bist du in der dritten Generation immer noch zugereist. Und abgesehen davon ist es oft so, dass die dörflichen Möglichkeiten der Zusammenkunft auch nicht mehr gegeben sind, weder auf der Ebene des Gasthauses noch auf der Ebene von Veranstaltungen, die die Gemeinde macht. Das wäre natürlich ideal, so wie früher, dass sich Menschen im Gasthaus treffen oder auf Vereinsfesten, wo die Leute dann auch Mitglied werden. Bei uns ist es halt die Freiwillige Feuerwehr, die funktioniert noch, der Fußballverein, wo es einen gibt, funktioniert auch noch. Aber all diese anderen kulturellen Sachen sind leider Gottes am Land auch aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge, die man jetzt eindeutig spürt, benachteiligt. Und dann natürlich die Amerikanisierung unserer Gesellschaft. Aber im Shoppingcenter treffen sich alle, dort gibt es meistens noch ein Kinocenter, und für die Jungen ist das natürlich sehr ansprechend, und wenn man es selber mal ausprobiert, ist es verlockend, dass man dort hingeht, sich hinsetzt, schaut, was die Leute machen. Das ist quasi wie das Wirtshaus von früher. Nur dort wird dann nicht mehr Ungarisch gesprochen. Da spricht höchstens der Kellner Ungarisch. Oder die Kellnerin.

Wir haben vier ungarischsprachige Siedlungen, das sind Oberwart und Unterwart, Sziget in der Wart und Oberpullendorf, und dort merke ich schon, dass die Sprache massiv zurückgeht. Auch in der Schule, im Zweisprachigen Gymnasium, wo ich unterrichte, wo die Kinder, die vom harten Kern der burgenländischen Ungarn, die die Nachkommen der kleinadligen Grenzwächter sind, immer weniger werden. Und interessanterweise geben sogar die ungarischsprachigen Eltern die Kinder in ein deutschsprachiges Gymnasium, obwohl das zweisprachige vor der Haustür steht.


Andrea Seidler: Also einerseits im Sprachenschwund und in der Tatsache, dass die geburtenschwachen Jahrgänge jetzt nachrücken, worin siehst du sonst noch die größten Herausforderungen für die ungarische Volksgruppe?


Attila Somogyi: Das sind schon zwei oder drei riesige Brocken für uns, die ungarische Volksgruppe. Meine Familie ist auch ein gutes Beispiel, wir leben mittlerweile auch schon in Wien. Meine Kinder gehen in Wien zur Schule, beide im 12. Bezirk, dort haben sie in keinem der Gymnasien die Möglichkeit, Ungarisch zu lernen. Die nächste Möglichkeit wäre, sie fahren auf die Schmelz, zur zweistündigen unverbindlichen Übung, wo sie altersübergreifend, schulübergreifend und niveauübergreifend von einer Lehrerin, Edina Léber Zs. Tóth, unterrichtet werden. Mein größtes Lob an diese Lehrerin, das ist ein kleines Wunder, das sie dort verbringt. Wie früher der Volksschullehrer im Dorf. Aber natürlich sind diese Stunden viel zu wenig. Da muss die Bildungsdirektion viel mehr Stunden zur Verfügung stellen. Ein gutes Modell ist, was leider auf gymnasialer Ebene nicht fortgesetzt wurde, die Bunte Schule.

Das System gehört ausgebaut, dass man zum Beispiel in jedem Bezirk eine Schule aussucht, die Ungarisch anbietet. Wir haben genug Ungarn in Wien, die das sicher annehmen würden.

Aber aus der Praxis: Meine Kinder bekommen die Anmeldung für die unverbindliche Übung Ungarisch immer erst in den ersten Septembertagen.

Jede Schule plant aber ihre unverbindlichen Übungen schon in der Lehrfächerverteilung im Frühjahr, spätestens im März, ein, das muss an die Bildungsdirektion gemeldet werden, die Werteinheiten müssen bestellt werden. Aber wenn ich natürlich erst im September die Erhebung mache, wer überhaupt gehen würde, dann ist das meiner Meinung nach eine Augenauswischerei. Wer soll sich denn da noch melden? Die Kinder haben sich im März schon für etwas ganz anderes angemeldet, für Fußball, Handball, was weiß ich was.


Andrea Seidler: Sprichst du mit deinen Kindern Ungarisch?


Attila Somogyi: Ich spreche natürlich mit meinen Kindern Ungarisch, ich lebe aber in einer Mischbeziehung. Meine Lebensgefährtin ist in Wien Ärztin, redet Deutsch mit den Kindern und ich rede natürlich Ungarisch mit ihnen. Und das sollten alle machen, gerade für diejenigen, die sich für die ungarische Volksgruppe auch einsetzen, sollte das eine Selbstverständlichkeit sein. Vor allem als Akademiker. Mir fällt es ja leicht, ich bin ja auch noch Ungarischlehrer.


Andrea Seidler: Das sind jetzt mal so ein paar gravierende negative Punkte, die Schwierigkeiten der Volksgruppe. Wo siehst du aber die größten Erfolge? Du bist ja jetzt seit vier Jahren der Vorsitzende und du warst aber davor schon viele Jahre im Volksgruppenbeirat.


Attila Somogyi: Ich bin insgesamt schon 24 oder 25 Jahre im Beirat. Da hast du ja schon die Möglichkeit, das Ganze zu überblicken. Und jetzt in der letzten Periode wurde ich zum Vorsitzenden gewählt und habe dadurch Initiativen ergreifen können. Viele Dinge, die ich schon lange vorher angeregt habe, habe ich jetzt als Vorsitzender verwirklicht. Einige positive Beispiele: Das Projekt „Nachgefragt“ ist am Haus der österreichischen Geschichte am Heldenplatz angesiedelt. Diese Ausstellung gibt es auch in allen Volksgruppensprachen, natürlich auch auf Ungarisch, und das habe ich koordiniert und durchgezogen. Und das ist jetzt fertig. Es gibt dazu auch ein Video, es gibt dazu auch Informationsmaterial über die Volksgruppen und da können sich die Schüler und alle anderen, auch die Privatpersonen, die sich diese Ausstellung anschauen, endlich ein Bild im wahrsten Sinne des Wortes über die ungarische Volksgruppe machen. Tolles Projekt, kann ich allen nur empfehlen. Das Infovideo habe ich gemeinsam mit der Direktorin des Zweisprachigen Bundesgymnasiums Oberwart, Iris Zsótér, gemacht. Ich als Vertreter der Wiener Ungarn, weil ich mittlerweile auch schon in Wien lebe und Burgenlandungar vom Ursprung her bin. Und die Iris natürlich als Burgenlandungarin und zusätzlich noch als Schuldirektorin.

Und das zweite Projekt, die Sichtbarmachung, ist dieses Jahr finalisiert worden, nachdem es voriges Jahr begonnen worden war, eben auch durch unsere ständige Tätigkeit in der Dialogplattform, bei der wir jetzt schon sechsmal gesprochen haben. Angefangen hat es mit Präsident Wolfgang Sobotka, der uns diese Plattform zur Verfügung gestellt hat, auf der man mit den Entscheidungsträgern der Republik Österreich ins Gespräch kommt. Die Themen, die wir in letzter Zeit schwerpunktmäßig ansprechen, sind die Bildung und die Reform des Volksgruppengesetzes. Immerhin blicken wir auf 50 Jahre Volksgruppengesetz zurück.


Andrea Seidler: Was sind die Schwerpunkte in der geplanten Änderung des Gesetzes?


Attila Somogyi: Zunächst die Abweichung vom Territorialprinzip, weil, wie vorher schon angesprochen, die standardburgenländisch-ungarische Familie mittlerweile in Wien wohnt. Wir wohnen auch nicht mehr im autochthonen Siedlungsgebiet.

Weiters die Durchsetzung des Ungarischen als Amtssprache im autochthonen Gebiet. Dies, und das ist auch im Volksgruppengesetz drin, erfolgt nach Ermessen, nach Möglichkeit. Und das ist falsch. Das muss man umsetzen.

Da soll sich die Politik an Südtirol ein Beispiel nehmen. Was die österreichische Politik in Südtirol fordert, sollte sie eigentlich zu Hause schon umgesetzt haben. Da sind viele gute Sachen dabei. Jetzt spreche ich natürlich nicht von der Autonomie, dafür sind wir zu wenige. Aber die anderen guten Dinge, die zweisprachigen Formulare, die Schulbehörde und alles andere, was in Südtirol sehr gut umgesetzt ist.


Andrea Seidler: Und du glaubst, dass das hier notwendig ist, um die Sichtbarmachung der Volksgruppe zu verstärken?


Attila Somogyi: Nein, aber um die Funktionalität der Sprache zu erhalten. Jeder weiß, wie wichtig es ist, im Dorf miteinander zu reden. Wenn ich ins Gemeindeamt gehe, kann dort keiner Ungarisch. Das Amt sollte natürlich auch mit einem Ungarisch sprechenden Bediensteten besetzt sein, zwingend, nicht nach Möglichkeit. Wir haben das richtige Gymnasium in Oberwart, wo Leute, die in den Ämtern Arbeit finden könnten, auch ausgebildet werden. Die Amtssprache endlich einmal so umsetzen, dass sie wirklich ernst genommen wird und auch funktioniert. Und natürlich, dass es entsprechende Formulare gibt, soweit es überhaupt noch Papierformulare gibt, aber auch im digitalen Bereich. Das Bundeskanzleramt hat in den letzten Jahren bei den sonstigen Förderungen diese Digitalisierung gefördert. Oberpullendorf war die einzige ungarischsprachige Gemeinde, die um diese Förderung angesucht hat. Wenn es Oberwart, Rotenturm und Unterwart auch gemacht hätten, wäre das gutes Projektgeld gewesen. Ich habe als Vorsitzender darauf hingewiesen, habe alle Gemeinden angeschrieben, keiner hat es gemacht, außer Oberpullendorf.


Andrea Seidler: Und ist die Homepage von Oberpullendorf zweisprachig?


Attila Somogyi: An und für sich sollte sie es sein, weil die Förderung bewilligt wurde. Die Oberwarter Homepage ist es nicht. Aber ich habe mit Freude zur Kenntnis genommen, dass Oberpullendorf zumindest angesucht hat und auch die Förderung bekommen hat. Es gibt viele gemischte Familien, bei denen die Schule natürlich eine ganz wichtige Rolle bekommt, oder auch solche, wo die Eltern nicht mehr so gut Ungarisch können, dass sie mit den Kindern zu Hause Ungarisch reden. Umso wichtiger wird dort die Schule, und in den Agglomerationen, vor allem in Wien, wohin die meisten autochthonen Ungarn gezogen sind, aber auch in Graz, gehört natürlich eine Schule her, in der vom Kindergarten bis zur Matura Ungarischlernen möglich ist.

Bereits im Jahr 2022 haben wir im Rahmen eines Besuchs des Ungarischen Volksgruppenbeirats in der Ungarischen Botschaft mit dem damaligen Botschafter Nagy Andor über die Notwendigkeit der Gründung einer ungarischen Schule gesprochen. Er sicherte uns ebenso seine Unterstützung zu wie die derzeitige Botschafterin, Szilágyiné Bátorfi Edit. Bedauerlicherweise ist es in dieser gemeinsamen Angelegenheit bis heute zu keiner konkreten Umsetzung beziehungsweise zu keinem nennenswerten Fortschritt gekommen.

Diese Forderung steht auch in unserem offenen Brief, den wir bei jeder Dialogplattform allen Sprechern der in der Regierung vertretenen Parteien übergeben haben. Sie wissen, dass wir dies fordern. Das ist gleich der Punkt eins, das durchgehende Schulsystem. Aber natürlich haben wir den Forderungskatalog auch Bildungsminister Christoph Wiederkehr und den wichtigsten Politikern für die Volksgruppenangelegenheiten übergeben.

Wir sind da auf einem guten Weg, glaube ich, weil der stete Tropfen den Stein höhlt, und jetzt momentan sind wir zumindest schon so weit, dass eine Europaschule vom Ministerium angedacht wird.

Andrea Seidler: Aber ist das Modell der Europaschule adäquat?


Attila Somogyi: Wenn es gut gemacht wird, ist es aus unserer Sicht natürlich auch ein Fortschritt. Ideal wäre meiner Meinung nach eine Bundesschule. Ich bin Bundeslehrer und sehe, was das Zweisprachige Bundesgymnasium Oberwart kann und zusammengebracht hat. Es ist bei uns eindeutig die Kaderschmiede der ungarischen Volksgruppe. Was die Jugend betrifft, kommen alle, die für die Volksgruppe noch etwas tun oder sich sonst auch weiter um die ungarische Kultur kümmern, zum Beispiel die Theatertruppe in Oberwart, aus dem Zweisprachigen Gymnasium Oberwart. Wenn wir keine Schule bekommen hätten, würde es das alles, glaube ich, gar nicht mehr geben.

Also ganz wichtig, dass man die Bildung garantiert. Wenn das jetzt eine Bundesschule wäre, was eigentlich für mich als Bundeslehrer logisch ist – für das Minderheitenschulwesen ist eigentlich der Bund zuständig und für die höheren Schulen und natürlich das Land für die Pflichtschulen. Man hat das Recht, auf Ungarisch Unterricht zu bekommen, zumindest hier im autochthonen Gebiet. Deswegen gehört das Volksgruppengesetz reformiert, es muss auch in den Agglomerationen gelten.


Das zweite ist natürlich die ungarische Volksgruppe in Wien, dass sie – was immer verschwiegen wird – seit 1992 anerkannt ist. Als autochthone Gruppe. Das wird immer unter den Tisch gekehrt. Bei der Dialogplattform ist es passiert, dass ein Universitätsprofessor von der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main kam und sagte, die Ungarn, die Kroaten und die Roma werden es in Wien schwer haben, weil sie nicht die gleichen Rechte wie die Tschechen und die Slowaken haben. Da darf ich aber schon ergänzen, dass das seit 1992 nicht so ist. Die Rechte haben sie schon, nur wird das Recht nicht exekutiert. Und das sind diese „Nach-Möglichkeit“-Paragrafen, die im Volksgruppenbereich schwer hinzunehmen sind, das gehört reformiert.


Andrea Seidler: Da gab es doch den Plan, mit der Komensky-Schule zu kooperieren. Ich habe jetzt gehört, dass die Kroaten das ab Herbst planen. Und warum haben sich die Ungarn da nicht angeschlossen?


Attila Somogyi: Das ist noch ein großes Fragezeichen, ob die sich das machen können. Die Komensky-Schule ist ein gutes Modell, das haben sich die Tschechen aber selber geschaffen. Die Tschechen haben einen Schulverein gegründet, zahlen selber ein, weil sie das wollen. Ist natürlich für uns ein tolles Modell, das machen wir auch mit, haben den Plan auch unterstützt. Nur unser Endziel ist aber nicht, dass unsere Kinder 300 Euro Schulgeld pro Monat zahlen.

Im Haus der Volksgruppen in Oberwart (Foto: Andrea Seidler)
Im Haus der Volksgruppen in Oberwart (Foto: Andrea Seidler)

Andrea Seidler: Ja, aber ist es nicht besser, das einmal zu haben, statt gar nichts?


Attila Somogyi: Auch haben! Wer sein Kind in eine Privatschule geben will, soll in Österreich die Wahl haben. Das ist aber für uns nicht unbedingt die allerbeste Lösung. Aber natürlich, wenn wir sonst nichts bekommen, ist das auch eine super Lösung. Funktioniert super, wie gesagt, aber politisches Ziel für die Volksgruppe wird ja nicht sein, dass man als Steuerzahler dieses Landes extra für die Bildung, die dir auch in der Volksgruppensprache zusteht, noch 300 Euro im Monat Schulgeld zahlt – für deine Kinder und das zwölf Jahre bis zur Matura.


Andrea Seidler: Aber wäre das nicht eine Fragestellung, die man eigentlich innerhalb der Volksgruppe stellen müsste oder in Wien stellen müsste? Vielleicht fällt es den Interessierten gar nicht so schwer, das zu bezahlen. Es ist auch eine Mär, dass in Österreich Schule gratis ist. Man muss für vieles zahlen in der Schule. Für die Nachmittagsbetreuung zum Beispiel. Also gratis ist es nicht.


Attila Somogyi: Da muss man die Modelle miteinander vergleichen. Mein persönlicher Favorit wäre das Modell der Österreichischen Schule in Budapest. Das ist zwar auch eine Privatschule, sie wird aber von beiden Staaten finanziert. Österreich schickt Lehrer hin, hat das Gebäude gezahlt, 50 Millionen Euro damals angeblich, haben wir gehört in einem Vortrag. Und das würde ich mir natürlich auch wünschen für Wien. Wir werden mehrere Schulen brauchen. In Wien gibt es 3000 ungarische Muttersprachler in der Pflichtschule allein. Da ist die AHS gar nicht mit dabei.


Andrea Seidler: Und warum kann man nicht parallel beide Modelle andenken?


Attila Somogyi: Wir müssen mehrgleisig fahren, wir müssen jedenfalls die Werteinheiten in den Schulen erhöhen. Das muss die Bildungsdirektion schon hergeben. Aber, und das möchte ich auch betonen, ich habe eine Medienoffensive gestartet, über den ORF, was das Allerwichtigste war. Ich habe gesagt: Da müsst ihr uns helfen, zeigt den Eltern die Möglichkeiten, wie und wo man in Österreich Ungarisch lernen kann, auch in den nicht autochthonen Gebieten natürlich, weil dort haben wir auch genug interessierte Kinder.

Das finanziert der Staat Österreich ja auch. Wenn der Bedarf da ist, wird er die Stunden hergeben dafür. Die Eltern brauchen die Kinder nur zu diesem sogenannten Erstsprachunterricht oder muttersprachlichen Unterricht anzumelden.

Damals haben wir sogar allen Medien, die wir erreichen konnten und die das umgesetzt haben, diesen Anmeldebogen geschickt. Die haben das auf die Homepage gestellt. Interessanterweise haben die Wiener Schulvereine dies nicht weitergegeben, weil sie das anscheinend als Konkurrenz zu ihrem Schulverein sehen. Dort habe ich zumindest nichts auf den Homepages gesehen, obwohl ich darum gebeten habe, uns bzw. mir bei dieser Kampagne zu helfen.


Andrea Seidler: Was die ungarischen Schulen betrifft, kann ich nur für unsere eigene reden, die Bécsi Magyar Iskola. Wir sind natürlich sehr dafür, dass eine ungarische zweisprachige Schule in Wien entsteht. Unser Nachmittagsunterricht kann dies nicht ersetzen.


Attila Somogyi: Wenn diese Schule jetzt im dritten Bezirk aber kommt, dann wird ein Kind aus dem 22. Bezirk dort nicht hinfahren. Man kann nicht überall sein. Dann brauchst du dort die Möglichkeit, dass es in die unverbindliche Übung Ungarisch gehen kann oder eben in den Erstsprachunterricht, um daraus maturieren zu können.

Wer unbedingt will, wer auf so einem hohen Level Ungarisch lernen möchte, der wird sich das auch antun und in diese Schule im dritten Bezirk fahren und auch Schulgeld zahlen. Das kostet natürlich auch Geld, ist keine Frage, aber das ist unser Recht, und wenn du es nicht forderst, dann werden sie dir nicht nachlaufen.

Und das ist schon auch unsere Aufgabe als Volksgruppenbeirat, nicht locker zu lassen, und da bin ich nicht müde geworden, das jedes Mal in schriftlicher Form als offenen Brief bei jeder Plattform und bei jedem Treffen, egal mit welchem Minister und egal mit welchem Landeshauptmann, zu übergeben. Persönlich mit der Bitte um Reaktion darauf. Und das hat dazu auch beigetragen, dass das Ministerium jetzt diese Schule in Wien umsetzen will.


Andrea Seidler: Und gemeinsam mit den Kroaten oder nur für die ungarische Volksgruppe?


Attila Somogyi: Wir sind ja Vereinsmitglied in der Ständigen Konferenz der Volksgruppenvorsitzenden und sollten an einem Strang ziehen. Der Vorstand dieses Vereins besteht aber nur aus vier Leuten und vertritt vier Volksgruppen, die Kroaten, Slowenen, Tschechen und Slowaken. Ich hätte die ungarische Volksgruppe und die Roma-Volksgruppe dazugenommen. Und obwohl wir öfter darauf hingewiesen haben, dass man das mit einer Statutenänderung machen kann, den Vorstand auf einen Sechservorstand erweitern, um mitentscheiden zu können, wurde es nicht gemacht. Jetzt haben wir nur beratende Funktionen. Wir bekommen Einladungen, aber beim Abstimmen haben wir keine Stimme. So ist es schwer, einheitliche Beschlüsse zu fassen.

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